Die Zölle auf Kunststoffprodukte zwischen den USA und Kanada haben sich von einem theoretischen Risiko zu einem konkreten wirtschaftlichen Problem entwickelt. Kanadas jüngste Vergeltungsmaßnahmen umfassen nun Zölle in Höhe von 50 % auf ausgewählte Kunststoffprodukte, während Washington den Anwendungsbereich von Section 338 ausgeweitet hat – einem alten US-Handelsgesetz, das es dem Präsidenten ermöglicht, auf Maßnahmen zu reagieren, die die Regierung als diskriminierende Behandlung des amerikanischen Handels ansieht.
Bei Kunststoffen sind die unmittelbaren Auswirkungen bislang begrenzt. Primärpolyethylen (PE), Polypropylen (PP) und Kunststoffabfälle stehen nicht auf der aktuellen kanadischen Liste der Vergeltungsmaßnahmen. Dennoch sind die nordamerikanischen Polymermärkte stark vom grenzüberschreitenden Handel in beide Richtungen abhängig, und eine Ausweitung auf Standardkunststoffe könnte sich auf Preise, Beschaffung und die Wirtschaftlichkeit von Recyclingmaterial auswirken.
Die Frage ist nicht mehr, ob Kunststoffe Teil des Handelsstreits werden können. Einige sind es bereits. Die Frage ist, wie weit die Zölle in der Lieferkette nach oben greifen werden.
Die US-kanadischen Zölle auf Kunststoffe betreffen nun auch Fertigprodukte
Die Gegenmaßnahmen Kanadas traten am 8. September in Kraft und sahen als Reaktion auf die US-Zölle auf Waren im Wert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar Zölle in Höhe von 15 %, 25 % und 50 % vor.
Kunststoffprodukte fallen ausdrücklich unter diese Maßnahmen. Bestimmte PVC-Boden- und Wandbeläge, selbstklebende Kunststoffmaterialien, Säcke und Beutel aus Ethylenpolymeren sowie Haushalts- und Küchenartikel aus Kunststoff unterliegen nun einem kanadischen Zollsatz von 50 %, sofern sie aus den USA stammen.
Die aktuelle Liste dehnt diese neuen Gegenzölle weder auf die wichtigsten Grundstoffpositionen für PE und PP noch auf Kunststoffabfälle und -schrott aus. Der erste direkte Schlag traf weiter unten in der Wertschöpfungskette ein. Eine fertige Polyethylen-Tüte kann mit einem neuen Zoll belegt werden, selbst wenn das Polymer, aus dem sie hergestellt wurde, davon ausgenommen ist.
Der Handel mit PE und PP ist eng miteinander verflochten
Eine Ausweitung der US-kanadischen Zölle auf Kunststoffe auf Primärpolymere würde einen wesentlich größeren und stärker vernetzten Markt betreffen.
Daten der US-amerikanischen International Trade Commission für das erste Halbjahr 2026 zeigen, dass Kanada der größte Lieferant für US-Importe von Ethylenpolymeren der HS-Position 3901 und von Propylenpolymeren oder anderen Olefinpolymeren der HS-Position 3902 ist. Kanada war zudem der viertgrößte Exportmarkt der USA für Ethylenpolymere und der zweitgrößte für Propylen- und andere Olefinpolymere.
Hier geht es nicht um einen einfachen Wettbewerb zwischen inländischen Herstellern und ausländischen Importen. US-amerikanische Verarbeiter kaufen kanadisches Material, und kanadische Verarbeiter kaufen US-amerikanisches Material. Ein in einer Richtung verhängter Zoll kann sich daher über die Lieferkette hinweg in Form höherer Vorleistungskosten in der anderen Richtung auswirken.
Zölle könnten Einfluss darauf haben, wo Kunststoffe weiterverarbeitet werden
Die Unterscheidung zwischen Harz und Fertigprodukten birgt ein weiteres Risiko.
Wenn ein kanadischer Hersteller US-Polyethylen ohne den neuen Gegenzoll von 50 % importieren kann, während für ein vergleichbares fertiges US-Polyethylenprodukt dieser Zoll anfällt, verändert der Zoll die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich des Standorts der Weiterverarbeitung.
Arbeitskräfte, Energie, Kapazitäten und Frachtkosten spielen nach wie vor eine Rolle, sodass die Produktion nicht einfach verlagert wird, nur weil ein neuer Zoll eingeführt wird. Die Handelspolitik kann jedoch beeinflussen, wo ein Unternehmen Rohstoffe einkauft und wo es diese zu einem Produkt verarbeitet. Eine Maßnahme, die auf ein Fertigprodukt abzielt, kann daher zu einer Umleitung der Kunststoffströme in vorgelagerten Bereichen führen.
Könnten Polyethylen und Polypropylen als Nächstes an der Reihe sein?
Dieses Risiko ist durchaus real, da Kanada bereits umfassendere Vergeltungsmaßnahmen im Bereich Kunststoffe in Erwägung gezogen hat.
Als sich die Handelsspannungen im Jahr 2025 verschärften, enthielt eine frühere kanadische Liste potenzieller Gegenmaßnahmen wichtige Kunststoffrohstoffe wie PE, PP und PVC. Diese Produkte sind zwar nicht auf der aktuellen Liste vom September 2026 aufgeführt, wurden jedoch von den politischen Entscheidungsträgern bereits als mögliche Ziele identifiziert.
Das führt zu Unsicherheit, noch bevor eine Abgabe fällig wird. Polymerverträge und Frachtbuchungen erstrecken sich oft über den Zeitpunkt hinaus, zu dem eine Regierung eine neue Maßnahme ankündigen kann.
Die Kunststoffzölle zwischen den USA und Kanada sind daher auch für Unternehmen von Bedeutung, deren Zolltarifnummern davon unberührt bleiben. Einkäufer müssen berücksichtigen, dass sich der heutige Preis frei Haus noch ändern könnte, bevor eine Sendung den Zoll passiert.
Recycelter Kunststoff birgt ein verstecktes Klassifizierungsrisiko
Für Recyclingunternehmen ist die Frage der Zölle noch komplizierter.
„Recycelter Kunststoff“ ist eine handelsübliche Bezeichnung und keine eigenständige Zolltarifposition. Kunststoffabfälle und -reststoffe fallen im Allgemeinen unter die HS-Position 3915. Material, das so weit verarbeitet wurde, dass es als Polymer in Primärform gilt, kann stattdessen unter Positionen wie 3901 für Polyethylen oder 3902 für Polypropylen fallen. Fertigwaren werden in andere Positionen des Kapitels 39 eingereiht.
In Kanadas Zolltarif wird diese Unterscheidung ungewöhnlich deutlich gemacht. Dort werden Polyethylen und Polypropylen „aus recycelten Materialien“ innerhalb der Struktur der Rohharze in Primärform gesondert aufgeführt.
Dasselbe zugrunde liegende Polymer kann daher je nach dem Zeitpunkt, zu dem es die Grenze überschreitet, unterschiedlichen Zollbestimmungen unterliegen. In einem Handelsstreit kann die Frage, wo das Material recycelt, zu Compounds verarbeitet oder weiterverarbeitet wird, fast ebenso wichtig sein wie die Frage nach seinem Ursprungsort.
Warum HS-Codes bei Handelsstreitigkeiten eine größere Rolle spielen
Das ist nicht nur eine zolltechnische Formalität. Es verändert das wirtschaftliche Risiko.
WasteTradegleicht grenzüberschreitende Materiallisten mit den HS-Klassifikationen, den Basler Klassifikationen und den Einfuhrbestimmungen der Bestimmungsländer ab. Die Handelsbezeichnung allein bestimmt nicht, wie die Zollbehörden eine Sendung behandeln werden.
Die Zolleskalation sorgt für eine weitere Komplexitätsebene. Zwei Sendungen können zwar beide als recyceltes PE bezeichnet werden, doch der Zoll kann sie unterschiedlich behandeln, wenn die eine weiterhin als Abfall oder Schrott gilt und die andere als recyceltes Polymer in Primärform eingestuft wird.
Die derzeitigen Kunststoffzölle zwischen den USA und Kanada veranschaulichen diesen Punkt vom anderen Ende der Lieferkette aus. Kanada hat Zölle auf ausgewählte Kunststofffertigprodukte erhoben, während die wichtigsten Positionen für PE, PP und Abfälle von den jüngsten Gegenmaßnahmen ausgenommen wurden.
Die Zollbehörde besteuert die Warennummer, unter der eine Sendung eingeführt wird, und nicht die Kurzbezeichnung, unter der sie verkauft wird.
Das USMCA beseitigt das Risiko gemäß Abschnitt 338 nicht
Das Abkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada regelt nach wie vor einen Großteil des nordamerikanischen Handels und bleibt in Kraft, obwohl die USA im Juli beschlossen haben, bei der gemeinsamen Überprüfung im Jahr 2026 keiner Verlängerung zuzustimmen. Kanada erklärt, das Abkommen bleibe bis 2036 in vollem Umfang in Kraft, während die USA bestätigt haben, dass es während der weiteren Verhandlungen weiterhin gilt.
Der USMCA-Status bietet jedoch keinen pauschalen Schutz vor den derzeitigen Maßnahmen gemäß Abschnitt 338. Ursprungsregeln mögen zwar eine Präferenzbehandlung im Rahmen des Abkommens gewährleisten, doch Abschnitt 338 bringt ein anderes politisches Risiko mit sich.
Washington verschärfte am 8. September erneut seine Maßnahmen, indem es den Geltungsbereich der bestehenden Zölle gemäß Abschnitt 338 änderte und Einfuhrverbote für bestimmte kanadische Produkte ab dem 29. September ankündigte.
Diese Verbote richten sich derzeit nicht gegen Standardpolymere. Sie zeigen jedoch, wie schnell die verfügbaren Handelsmaßnahmen verschärft werden können.
§ 338 bleibt ein ungeklärtes Instrument
§ 338 stammt aus dem Zollgesetz von 1930 und hat in der modernen US-Handelspolitik selten eine zentrale Rolle gespielt. Es bleiben Fragen offen, wie er mit späteren Rechtsvorschriften zusammenwirkt und welche verfahrensrechtliche Rolle die US-Kommission für internationalen Handel dabei spielen sollte.
Diese Unsicherheit trat im September deutlicher zutage, als die USITC die Öffentlichkeit um Stellungnahmen dazu bat, wie sie ihren gesetzlichen Verpflichtungen gemäß Abschnitt 338 nachkommen solle.
Für die Wirtschaft geht es dabei eher um praktische als um theoretische Aspekte. Unternehmen müssen bei Einkauf, Preisgestaltung undLogistikEntscheidungen, während Teile des rechtlichen und institutionellen Rahmens, der den Tarifen zugrunde liegt, noch ungeklärt sind.
Recycelte Rohstoffe könnten zu einer strategischen Absicherung werden
Handelskonflikte kommen recycelten Polymeren nicht automatisch zugute. Recyceltes Material muss nach wie vor den Spezifikationen, Konsistenzanforderungen und gesetzlichen Vorschriften entsprechen, und bei vielen Anwendungen ist ein schneller Wechsel des Ausgangsmaterials nicht möglich.
Zölle können jedoch den relativen Wert der verschiedenen Bezugsquellen verändern.
WasteTradehat bereits untersucht, wie Störungen bei der Versorgung mit Neuplastik Käufer dazu bewegen können, auf recycelte Alternativen auszuweichen. Ein Zollschock kann zu einer ähnlichen Abwägung führen. Das günstigste angebotene Granulat ist nicht unbedingt das günstigste gelieferte Material, sobald Zölle, Frachtkosten, Lieferzeiten und Grenzrisiken in die Berechnung einfließen.
Für Käufer gewinnen breitere Lieferantennetzwerke an Bedeutung. Für Recyclingunternehmen können Standort und Marktzugang zu stärkeren wirtschaftlichen Vorteilen werden, wenngrenzüberschreitendNeuharz lässt sich nicht mehr zu vorhersehbaren Kosten beschaffen.
Was Kunststoffkäufer als Nächstes im Auge behalten sollten
Der Fokus sollte weiterhin in erster Linie auf der zolltariflichen Einstufung liegen und nicht auf politischer Rhetorik.
Jede künftige Hinzufügung der Positionen 3901 oder 3902 würde in erster LinieSportoderPPdirekt in den Streit hinein. Änderungen im Zusammenhang mit HS 3915 hätten Auswirkungen auf Abfall- und Schrotthändler. Weitere Maßnahmen gegen Fertigwaren des Kapitels 39 könnten die Wirtschaftlichkeit der Verarbeitung verändern, ohne das Harz selbst zu betreffen.
Die Änderungen in den USA, die am 15. September in Kraft treten sollen, sowie die für den 29. September geplanten Einfuhrverbote für bestimmte kanadische Produkte sind die nächsten wichtigen Punkte, die es zu beobachten gilt.
Unternehmen sollten zudem das Beschaffungsverhalten im Auge behalten. Sollten kanadische und US-amerikanische Einkäufer bereits vor der Einführung neuer Zölle damit beginnen, ihre Lieferantenbasis zu erweitern, könnte sich diese Veränderung in den Handelsdaten erst dann niederschlagen, wenn die geschäftlichen Entscheidungen bereits getroffen wurden.
Die Kunststoffzölle zwischen den USA und Kanada sind nun eine Frage der Lieferkette
Die derzeitigen Maßnahmen haben die wichtigsten nordamerikanischen Polymerströme nicht unterbrochen. PE, PP und Kunststoffabfälle sind von den jüngsten direkten Vergeltungsmaßnahmen weitgehend ausgenommen.
Das sollte jedoch nicht zu Selbstzufriedenheit führen.
Die Zölle der USA und Kanadas auf Kunststoffe betreffen bereits Fertigprodukte aus Kunststoff, und beide Regierungen haben ihre Bereitschaft zu einer Eskalation signalisiert. Aufgrund der Verflechtung des Marktes würde eine künftige Ausweitung auf Primärpolymere Hersteller, Recyclingunternehmen, Verarbeiter und Abnehmer auf beiden Seiten der Grenze betreffen.
FürRecycling… Die tiefere Erkenntnis ist einfach: Zölle können den Wert eines Materials verändern, ohne das Material selbst zu verändern. Der Zeitpunkt, zu dem Kunststoff eine Grenze überschreitet – sei es als Abfall, recycelter Rohstoff, Granulat oder Fertigprodukt –, kann seine wirtschaftliche Bedeutung verändern.
Die nächste Phase könnte daher nicht nur davon abhängen, welche Waren mit Zöllen belegt werden, sondern auch davon, wo Unternehmen ihre Rohstoffe beschaffen, verarbeiten und transportieren.





